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Uwe Prell - Dialog...

Gespräch über Uwe Prells Roman

Der jüngere Bruder


Frage:

"Der jüngere Bruder" ist keine Komödie...

 

Antwort:         

Nein.

 

Frage:

...sondern ein Drama. Am Ende sind vier Menschen tot: Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel, der Leiter der Fahrbereitschaft, Georg Wuster, und Achim...

 

Antwort:

...eine Romanfigur. Er ist der beste Freund von Volker, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird.

 

Frage:

Ein RAF-Roman...

 

Antwort:

...eher ein Roman über gesellschaftlichen Wandel, der durch diese Ereignisse mit ausgelöst und beschleunigt wird. Ihre Ursachen reichen jedoch weiter zurück. Diese versuche ich zu fassen.

 

Frage:

Worin bestehen sie?

 

Antwort:

Im Kern in der Unfähigkeit, vielleicht in der Unmöglichkeit, sich verständigen zu können oder zu wollen, und unbedingt Recht behalten zu wollen.

 

Frage:

Welche Folgen hat das?

 

Antwort:

Neben tiefen seelischen Verletzungen der Überlebenden und Nachkommen bleiben wirkungsmächtige Bilder. Die provozieren - immer noch. Gleichzeitig ist vieles ungeklärt, was klärbar wäre. Zum Beispiel, wer am Gründonnerstag 1977 tatsächlich geschossen hat.

 

Frage:

Warum ist das noch wichtig?

 

Antwort:

Eine Gesellschaft, die sich und ihre Grundlagen - dazu zählt natürlich das Recht - ernst nimmt, muss solche Fragen beantworten. Sich erneut und mit Abstand mit den Vorfällen und der Stimmung jener Zeit zu befassen, erweitert vielleicht auch den Blick und lässt kenntlich werden, dass die bundesdeutsche Gesellschaft an einer Kreuzung stand und möglicherweise einen falschen Weg gewählt hat.

 

Frage:

Inwiefern?

 

Antwort:

Zorn und trotziges Schweigen sind zum Repertoire nicht nur politischer Auseinandersetzung wieder hinzugekommen. Das führt zu Ausgrenzungen. Ein altes Muster, welches durch die Vorgänge von damals noch einmal verstärkt wurde.

 

Frage:

Neben dem Erzählstrang, der 1977 spielt und bei dem Volker verhört wird, weil die Polizei glaubt, dass er einen der Attentäter kennt, gibt es einen zweiten Strang. Hier geht es um ein Sommerlager 1967, in dem die beiden Hauptfiguren in Konflikt mit ihren Gruppenführern geraten, die wiederum über die Zukunft ihrer Gruppe streiten. Was verbindet beide Geschichten?

 

Antwort:

Sie überschneiden sich in einer Person - Edgar. Er ist Achims älterer Bruder und zählt 1977 zu den Verdächtigen.

 

Frage:

Zwei Situationen, die sich in ihrem jeweiligen Kontext als vorrevolutionär bezeichen lassen.

 

Antwort:

Und die beiden im Desaster enden.

 

Frage:

Wer die Gegenwart verstehen will, kommt also nicht umhin, sich mit diesem Thema zu befassen?

 

Antwort:

Das ist mir zu pädagogisch. Zur Sprache kommt vielmehr ein doppeltes Entsetzen. Zum einen für die beiden Hauptfiguren die Verstrickung in Vorgänge, aus denen sie keinen Ausweg finden. Zum anderen machen sie die Erfahrung, dass sich Entwicklungen trotz bester Motive in ihr Gegenteil verkehren können.

 

Frage:

Keine neue Erfahrung.

 

Antwort:

Für diese Generation ist sie neu. Neu ist für sie auch, dass es Ereignisse und Gefühle gibt, die kaum zur Sprache zu bringen sind.

 

Frage:

Also ein generationsspezifischer Blick?

 

Antwort:

Der Blick des jüngeren Bruders.

 

Frage:

Bei den schwer auszudrückenden Dingen handelt es sich durchweg um jene existenziellen Themen, die irgendwann jeden bewegen...Gewalt, Tod, Eifersucht, Rache, ... das klingt nach den sieben Todsünden und insgesamt eher bedrückend. Gibt es Ausnahmen?

 

Antwort:

Eine. Die aber ist weitgehend in das Genre der Kitschfilme und Schnulzen ausgewandert. Ich spreche vom schlimmsten und besten aller Themen: Liebe.

 

Frage:

Sie kommt im "Jüngeren Bruder" nicht vor.

 

Antwort:

Nur am Rande.

 

Frage:

Ist der Roman autobiographisch?

 

Antwort:

Er ist biographisch. Zeiten und Orte sind authentisch, der Rest ist Fiktion.

 

Frage:

Eine historische Rekonstruktion.

 

Antwort:

Historisch ist nur der Stoff. Relevant sind hoffentlich die Konflikte, die Versuche Antworten zu finden und die Sprache, in der dies geschieht.